Kunibert von Köln (um 590 – 663?)
Müller, Heribert
Der Name Kunibert steht am Anfang jener langen und eindrucksvollen Liste von Vorstehern der Kölner Kirche des Mittelalters, die sich über Jahrhunderte aus dem Adel des näheren und weiteren Umlands rekrutierten und die durch ihre Tätigkeit als Erzieher und Berater von Königen und Kaisern zugleich das Bistum eng mit Hof und Reich verbanden.So wurde durch Kuniberts Pontifikat der Außen-und Vorposten Köln fest in den von Chlothar 11. und Dagobert I. konsolidierten fränkischen Staatsverband einbezogen.Obendrein aber erlaubte gerade diese Lage eine ausgreifende missionarische Tätigkeit, die wiederum ihre politischen Implikationen hatte.Und die Stätte, welche die Erinnerung an Kunibert bis in unsere Tage lebendig hielt, die Grabeskirche des Heiligen am Kölner Rheinufer, auch sie steht wohlwie noch zii zeigen istfür seine über Stadt und Bistum hinausreichenden Aktivitäten."Umlandu bedeutet im Fall Kuniberts ein Gebiet zwischen Trier und Metz, das sich aus guten Gründen wohl genauer als die heutige französischdeutsch-l~xembur~ische Grenzregion östlich von Diedenhofen/Thionville umschreiben läßt: seiner Vita zufolge stammte Kunibert aus der ,,Moselprovinz", und nach einer Urkunde des Trierer Erzbischofs Bertolf von 873 hatte er seiner Kölner Grabeskirche das Erbgut Crellingon vermacht, das heutige KerlingenIKerling-les-Sierck bei Diedenhofen.Dazu paßt wiederum der in der Vita überlieferte Name von Kuniberts Vater: Crallo; er mag sich von jenem Besitz herleiten oder seinerseits namengebend gewirkt haben.(Die vereinzelt geäußerte Vermutung, dieser Name CralloIKarl sei von der Familie Kuniberts aiif die der Pippiniden-Kar(o)linger Übergegangen, stellt eine unbeweisbare Hypothese dar.) Auch die Angabe in einer der vier Fassungen von Kuniberts Vita, seine Mutter Regina sei an der Mosel als Heilige verehrt worden, fügt sich ebenso in den skizzierten Rahmen wie die Tatsache, dai3 das Kunibertstift zwischen Trier und Diedenhofen über alten Besitz verfügte, so in MallingenlMalling, in HettingenlHettange-Grande (oder ~~d i ~~~n l ~e d a n ~e -s u r -c a n n e r ? ) sowie ZU Wellen an der Mosel, das auch ein Kunibertpatrozinium kennt.Von dort sind es nur wenige Kilometer flußauf bis zu dem heute auf luxemburgischem Gebiet liegenden Remich, das llach lokaler Tradition Geburtsort des Heiligen gewesen sein soll, woran neben Reliquie und Statue in der Pfarrkirche eine "rue st-cunibertU vor seinem angeblichen Geburtshaus erinnertkürzlich noch wurde Kunibert von dem Luxemburger Autor Gerard Kieffer in einer populär gehaltenen Skizze als "Luxemburger Bischof zu Köln" bezeichnet.Auf Grund dieser Nachrichten dürfte mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit feststehen, daß Kuniberts Familie zum grundbesitzenden Adel des Trier-Metzer Landes, der "reichsfränkischen Basis" im Osten (H.H. Anton), gehörte und so in einer Reihe steht mit den Arnulfingern und Pippiniden, mit den mutmaßlichen Vetwandten von Pippins d.Älteren Gemahlin Iduberga-Itta wie mit jenem durch sein Testament bekannten Diakon von Verdun Adalgisel-Grimo, der seinerseits über Besitz bei Wellen verfügte, oder mit den Sippen der Irmina von Oeren und Adela von Pfalzel.Kuniberts Vorfahren zählen also zu den "Adelsfamilien im Umkreis der frühen Karolinger", deren Bezieh~n~sgeflecht die Forschungen von Matthias Werner aufgezeigt haben.Andere Angaben, wie die einer Geburt Kuniberts in Dietsch-HeurlHeur-le-Tiexhe bei Tongern, beruhen entweder auf Verwechslunghier mit einem gleichnamigen Anachoreten des 6 .Jahrhunderts -, oder es handelt sich um wesentlich spätere, in ihrer Genese nicht mehr erklärbare Überlieferungen.Das gilt etwa für Kuniberts angebliche Abstammung von einem lothringischen Herzog (Koelhoffsche Chronik) oder für eine Herkunft aus dem späteren Territorium der Grafen von Veldenz (Aegidius Gelenius).Deren Stammsitz bei Bernkastel führt uns an die mittlere Mosel, wo erstmals im 15.Jahrhundert Zeltingen ("Rachtig) als angeblicher Geburtsort genannt wird, wo auch eine Burg seinen Namen trug und das Kölner Stift begütert war.Indes handelt es sich hier keineswegs, wie an der oberen Mosel, um den ältesten Besitz von St. Kunibert, der durch die erwähnte Bertolf-Urkunde gesichert ist.Auch wenn sie als Fälschung des 12. Jahrhunderts zu gelten hat, so treffen ihre Angaben über den frühesten Besitz der Kirche durchaus zu, wie sich etwa aus anderen, unzweifelhaft echten Zeugnissen, darunter einem Diploin Heinrichs IV., ergibt.Dies bleibt als Ergebnis einer langen und intensiven Forschungsdiskussion über die Bertolf-Urkunde festzuhalten.Zudem fügen sich die urkundlichen Angaben ja mit den Nachrichten der Vita über Kuniberts Herkunft zu einem stimmigen Ganzen.Daß diese Vita frühestens im 9. Jahrhundert verfaßt wurde und ihr Quellenwert mithin ilicht allzu hoch zu veranschlagen ist, erlaubt keineswegs, deren wenige konkrete Nachrichten zu ignorieren.Alle Angaben wollen ausnahmslos berücksich-