Streit um die Exegese? Die Funktion des Schriftargumentes in der Kontroverstheologie des Hieronymus Emser
Smolinsky, Heribert
Die katholische Kontroverstheologie der Reformationszeit ist durch verschiedene Faktoren geprägt worden: Einmal schrieb man normalerweise "aus der Defensive" und war so gezwungen, sich reformatorischen Erkenntnisprozessen zu stellen, die überraschend kamen und deren Wucht man schwer etwas Überzeugendes entgegensetzen konnte.Das Agieren aus der Defensive führte dazu, daß zu Beginn keine systematische Gesamtkonzeption entwickelt wurde, sondern diese sich erst im Laufe der Zeit entfalten konnte.Zudem verwirrte die Vielfalt der Positionen und Themen und gab Anlaß, den Reformatoren Selbstwidersprüche und haltlose Wandlungsfähigkeit vorzuwerfen, wie man es programmatisch bei Johannes Cochläus 1529 im "Septiceps Lutherus"2 findet.Gleichzeitig mußten die Kontroversisten auf diese Vielfalt eingehen.Von daher erklärt es sich, daß neben der störenden Methode, Satzfür-Satz den Gegner zu widerlegen, oft eine derartige Fülle verschiedenster Themen in einer einzigen Schrift behandelt ist, daß der Leser keinen zentral durchgehaltenen Gedankengang finden kann.3Relativ früh erkannte die Kontroverstheologie, daß zu den wichtigsten reformatorischen Prinzipien die Berufung auf die Schrift allein gehörte, von woher man die Kirchen-und Theologiekritik begründete.Während die Rechtfertigungslehre oft am Rande behandelt wurde, gab es daher kaum eine kontroverstheologische Arbeit, die nicht an irgendeiner Stelle über das Verhältnis von Schrift und Tradition sowie über die Autorität der Kirche in ihrer Beziehung zur Bibel in irgendeiner Weise reflektiert 1 Vortrag, gehalten am 22. Oktober 1987 im Institut für Europäische Geschichte in Mainz.Die Vortragsform wurde beibehalten; Anmerkungen sind auf das Wesentliche beschränkt.